Positive und negative Form
Andere wiederum vermuten dahinter ein größeres Sendungsbewusstsein und den verdeckten Anspruch auf ein Wahrheitsmonopol, da vorausgesetzt wird, dass jeder weiß, was gut und richtig sei. Damit werden diese versionen von vielen als anspruchsvoller angesehen. So sind die muslimische und Bahá'í-Variante wie auch die aus der Bergpredigt entnommene christliche positiv formuliert und fordern nicht nur das Nichttun dessen, was selbst nicht gewünscht wird, sondern auch das Tun dessen, was man selbst erstrebt.zwischen den einzelnen Versionen sind leichte, aber relevante Unterschiede feststellbar.
Das erstrebenswert Gute wird subjektiv und also sehr unterschiedlich definiert.Die positive Form „Was du willst, was man dir tu, das füge auch dem andern zu“, eröffnet einen großen Spielraum, kann den Einzelnen aber schnell überfordern. Aufgrund der Gegenseitigkeit ist der andere zwar in Übereinstimmung mit seinen moralisch legitimen Wünschen zu behandeln, auch diese Absicht kann aber vielfach zu Missverständnissen führen.
Wer es vermeidet, andere zu schädigen oder ihnen einen fremden Willen aufzuzwingen, handelt demnach moralisch und achtet die persönliche Freiheit des anderen.Die negative Form „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu“ fordert aktives Unterlassen ein, eben etwas bewusst nicht zu tun. Nur durch Achtung des Anderen ist somit zweiseitiges Zusammenleben, „natürliche“ Sittlichkeit, möglich.
Diese Ausweitung der goldenen Regel kommt dem kategorischen Imperativ Kants bereits sehr nahe, unterscheidet sich von diesem allerdings in der Sicht mancher darin, dass letzterer dem Einzelnen seine lebendige Individualität nimmt und ausnahmslos auf Pflichterfüllung dringt. Dies zwingt den Handelnden seine Aktionen grundsätzlich nach der Möglichkeit der Rückbezüglichkeit zu befragen; ein wesentliches Überprüfungskriterium ist demzufolge das der Allgemeingültigkeit: „Was wäre, wenn alle Betroffenen in dieser Situation so handelten“? Maßstab ist also nun das sittliche Handeln in und für die gesellschaft, Verstöße gegen Sitte und Gesetz widersprechen diesem Anspruch.Eine Ausweitung der goldenen Regel und gleichzeitig eine Anerkennung als universelles Moralprinzip wird durch einen Bezug auf das Gemeinwohl hergestellt.
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